Im Fokus

Langzeiterwerbslose fotografieren

Fotografie birgt das Potenzial in sich, Dialog und Diskussion anzuregen und kulturelle, soziale und sprachliche Grenzen zu überwinden. Der Umgang mit der Kamera ist den meisten Menschen vertraut und die Berührungsangst ist gering. Das Projekt "Im Fokus" gibt Personen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt sind, eine eigene Stimme.

Das Projekt „Im Fokus: Langzeiterwerbslose fotografieren ihre vertraute Lebenswelt“ startete 2012 und endete 2017. In verschiedenen Kirchgemeinden nahmen Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr im Erwerbsleben stehen, während jeweils drei Monaten an Fotoworkshops teil. Sie erkundeten mit der Digitalkamera gemeinsam und alleine ihre vertraute Umwelt und lernten einander beim Fotografieren sowie in Gesprächen über Bilder kennen. Der Dialog zwischen Menschen, der Dialog zwischen Menschen und Orten, galten als zentrale Ziele des Projekts. In der Kirchgemeinde Biel wird das Projekt auch in Zukunft umgesetzt.

Ausgangslage

Erwerbslosigkeit und eine stagnierende Wirtschaftslage sind seit einigen Jahren auch in der Schweiz spürbar geworden. Eine soziale Gruppe von Betroffenen, die im öffentlichen Diskurs kaum thematisiert wird, sind die erwerbslosen Personen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren. Die Untersuchung "Erwerbsarbeit der Personen ab 50 Jahren" des Statistischen Amtes legt erschreckende Zahlen vor: Im Jahr 2007 war nahezu ein Viertel der 50- bis 64-Jährigen nicht erwerbstätig. Davon war jede zweite erwerbslose Person langzeitarbeitslos. Wegen ihres oftmals tiefen Bildungsniveaus und ihres fortgeschrittenen Alters stehen diese Menschen einer ungewissen Zukunft mit wenig Aussichten auf ein neues Anstellungsverhältnis gegenüber. Trotzdem sind sie mit den Erwartungen der Gesellschaft konfrontiert, eine Arbeitsstelle zu finden. Auch die Auflagen der sozialpolitischen Institutionen lassen eine Reintegration in den Arbeitsmarkt als möglich und realistisch erscheinen. Dieser Widerspruch macht die Stellenlosigkeit für die Personen dieser Altersgruppe besonders schwer ertragbar.

Erwerbslosigkeit manifestiert sich auf individueller Ebene, nämlich im Einzelschicksal der betroffenen Person. In der Schweizerischen Gesellschaft ist die Erwerbsarbeit die zentrale Institution, über die sich eine Person in die Gesellschaft integriert. Sie bestimmt die soziale Position und das Selbstverständnis einer Person. Im Alter von 50 bis 64 Jahren ist es für eine erwerbslose Person besonderes schwierig eine Stelle zu finden: Arbeitgeber haben Vorbehalte gegenüber älteren Arbeitnehmern (hohe Sozialkosten, mutmasslich veraltete Qualifikation) und die Betroffenen selbst sind oftmals nicht bereit, ihren Wohnsitz für die Arbeit zu wechseln. Personen im Alter zwischen 50 und 64 Jahren, die lange erwerbslos sind, verlieren ihre Motivation, leben sozial isoliert und kämpfen gegen gesundheitliche und finanzielle Probleme an. Viele Personen dieser Altersgruppe kennen Gefühle wie Einsamkeit und Scham, Verzweiflung, Resignation und Langeweile.

Ziel des Projekts

Schweizerische Projekte im Bereich Erwerbslosigkeit engagieren sich in den Bereichen Arbeits-, Bildungs- und Integrationsangebote. Mit dem Ziel, erwerbslose Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren, setzten sie auf der wirtschaftlichen Ebene an und differenzieren nicht immer zwischen der altersspezifischen Lebenssituation. Projekte, die sich für neue Formen sozialer Integration einsetzen, sind viel seltener. In solchen Projekten liegt das Potential das Problem der Erwerbslosigkeit zu reflektieren und neu zu definieren.

Diesen Rahmen will das Projekt "Im Fokus" schaffen und damit eine Vorreiterrolle übernehmen. Es setzt beim Bedürfnis von älteren erwerbslosen Personen an, sich mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen auszutauschen und durch gemeinsames Handeln die individuelle Ohnmacht zu überwinden. Das zentrale Anliegen des Projektes ist, dass die Projektteilnehmer und -teilnehmerinnen ihre Lebenswelt fotografisch darstellen und dadurch visuell erfahrbar machen. Dadurch soll bei ihnen ein künstlerischer, kreativer Prozess der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Biographie und den eigenen Wünschen und Träumen ausgelöst werden. Die Fotografie bietet die Möglichkeit Realitäten (neu) zu definieren, Perspektiven zu kommunizieren und auf relevante soziopolitische Themen aufmerksam zu machen.

Es ist denkbar, das Projekt zu einem späteren Zeitpunkt auf andere von der Gesellschaft ausgegrenzte Gruppen auszudehnen. Die Projektidee könnte auch mit Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung, Menschen mit Migrationshintergrund, von Armut betroffenen Menschen, alten Menschen usw. durchgeführt werden.

Zu Diakonie Themen

Weitere Informationen

Projektbeschrieb zum Herunterladen

Heft I  Erfahrungsbericht

Heft II  Anleitung zur Durchführung

Eine Auswahl aus den Werken