Armut schadet der Gesundheit

Der Forscher Maurizio Strazzeri (Fachhochschule Bern) sprach im Rahmen der Veranstaltung «Lunch am Puls» über den Zusammenhang zwischen Armut und Gesundheit. 

Macht Armut krank? Diese Frage stellte Maurizio Strazzeri ganz am Anfang seines Referats. Haben in der Schweiz alle die Möglichkeit, sich um ihre Gesundheit zu kümmern? Häufig hänge dies von der sozialen Situation ab. Strazzeri, der an der Fachhochschule Bern forscht, war Gast bei «Lunch am Puls» und sprach über Zusammenhänge, die sich in statistischen Daten zeigen. Armut sei mehr als fehlendes Geld. Es ginge darum, ob die Menschen die Möglichkeit hätten, ihr Leben zu gestalten. Faktoren wie etwa Bildung seien bei einem multidimensionalen Modell miteinzubeziehen.

Strazzeri präsentierte einen Fall aus der Realität: Eine 34-jährige Alleinerziehende, die zu 60 % im Detailhandel arbeitet und für die unerwartete Ausgaben Stress bedeutet. Was könnten ihre Probleme sein? Die Versammelten lieferten Inputs. «Keine Freizeit», «Dauerstress», «Das Vermeiden eines Zahnarztbesuchs trotz Schmerzen» - so die Wortmeldungen. Strazzeri zeigte schliesslich verschiedene Faktoren auf, materielle und psychosoziale. Auch der Zugang zum Gesundheitswesen könne sich in prekären Verhältnissen als schwierig erweisen. Personen mit wenig Einkommen lebten oft sozial isolierter, gesunde Ernährung müsse man sich leisten können, wobei auch das Wissen darüber, was überhaupt gesund sei, eine Rolle spiele. 

Gute Datenqualität

Die Datenqualität bezüglich Armut und Gesundheit ist in der Schweiz sehr gut. Strazzeri verwies etwa auf den Bericht zu gesundheitlichen Ungleichheiten und auf diverse Studien, die Korrelationen aufzeigen. Eine von ihm präsentierte Statistik zeigt den Zusammenhang zwischen der finanziellen Situation mit dem selbst wahrgenommenen Gesundheitszustand auf. Tatsächlich nehmen besser Gestellte sich selbst als gesünder wahr. Umgekehrt gilt: Jeder Vierte, der sich in schwieriger finanzieller Situation befindet, leidet an Depressionen. Ein höheres Sterberisiko korreliert mit einem niedrigen Bildungsniveau. Darunter sind viele Todesfälle, die durch Prävention hätten verhindert werden können.

Die Gründe, warum das Sterberisiko bei gleichem Alter zwischen Abgängern der obligatorischen Schule im Vergleich zu Menschen, die auf der höchsten Stufe im Schweizer Bildungssystem stehen, zu 60 % höher ist, sind vielfältig. Schlechte Ernährung, Tabakkonsum und mangelnde Bewegung können auch eine Rolle spielen, wobei man punkto Alkoholkonsum keine Unterschiede feststellen kann. Deutlich wird: Der Gesundheitszustand korreliert positiv mit der finanziellen Situation. Auch in der Schweiz.

Strazzeri stellt die rhetorische Frage: «Ist das gerecht?». Oft hätten zwar alle die gleichen Möglichkeiten, allerdings nicht die gleiche Ausgangslage, so Strazzeri. Eines der erklärten Ziele der Schweizer Gesundheitspolitik sei es, gesundheitliche Chancengleichheit zu fördern. Die gesundheitliche Armutsfalle sei wie ein kausaler Strang. Wer nicht gesund sei, habe ein höheres Risiko seine Arbeit zu verlieren oder Probleme bei der Arbeitssuche zu haben. Unter anderem könne Scham ein Grund dafür sein, dass in manchen Kantonen mehr als 30 % der Menschen trotz Anspruchs keine Sozialhilfe beziehen. Schliesslich sprach Strazzeri davon, wie das Armutsrisiko von einer Generation an die nächste weitervererbt wird. «Armut war schon immer ein generationenübergreifendes Problem.» Fazit: Armut erhöht das Krankheitsrisiko sowohl psychologisch wie physiologisch. So zeigte etwa eine Studie, dass die Gesundheit von Ausgesteuerten sich nach wenigen Monaten verschlechterte. Isolation kann dabei eine Rolle spielen. «Der Austausch mit anderen kann helfen, eine Krankheit einzuschätzen und dazu motivieren zum Arzt zu gehen.» 

Text: Helen Lagger
Bild: Chronomarchie