Scham ist eine Hürde
Der Sozialforscher Oliver Hümbelin sprach im Rahmen der Veranstaltung «Lunch am Puls» über die Gründe, warum manche Menschen auf Sozialhilfe verzichten und warum dies mehr als ein individuelles Problem ist.
Manche Menschen beziehen keine Sozialhilfe, obwohl sie Bedarf und Anrecht hätten. Der Sozialforscher Oliver Hümbelin spricht in seinem Referat «Wenn Hilfe gemieden wird – zwischen rechtlichen und psychologischen Hürden», im Rahmen der Veranstaltung «Lunch am Puls».
Hümbelin forscht an der Berner Fachhochschule seit langem zu den Themen Ungleichheit, Armut und Wohlfahrtsstaat. Anhand einer Zeichnung, die das Verhältnis des Staates gegenüber dem Individuum illustriert, steigt Hümbelin in sein Referat ein. Der Staat wird mit Messgeräten und einem Zirkel dargestellt, das Ich als Grünpflanze. «Der Staat hat etwas vermessendes und kategorisierendes», so Hümbelin. «Der Mensch will wachsen.» Er zitiert das Beispiel einer Mutter mit gesundheitlichen Einschränkungen, die schlechte Erfahrungen mit dem Sozialamt gemacht hat. Es machte ihr enorm zu schaffen, ständig um etwas bitten zu müssen. Auf der Website Armutsmonitoring.ch kann nachgelesen werden, dass es für viele Menschen ein vulnerabler Moment ist, wenn sie feststellten, dass sie Hilfe bräuchten. Die Zugänglichkeit sei nicht immer gegeben. «Wer ist dafür verantwortlich?», fragt Hümbelin und präsentiert anhand einer Grafik das Schweizer System der sozialen Sicherheit aus dem nationalen Armutsmonitoring. Es gibt ein Netz, wobei die Sozialhilfe als letztes Instrument genutzt werden sollte. Sozialversicherungen, Prämienverbilligungen und Ergänzungsleistungen bilden eine Vielzahl an Instrumenten, die zeigen, wie komplex das System ist. «Es ist nicht einfach, sich darin zurechtzufinden. Das kann eine Hürde sein», so Hümbelin.
Eigenverantwortung
Die Schweiz sei ein Wohlfahrtsstaat mit einem hohen Stellenwert bezüglich Eigenverantwortung. In anderen Ländern laufe die Hilfe automatisierter ab. «In der Schweiz ist das Individuum verantwortlich, nicht der Staat.» Wie verbreitet ist der Nichtbezug? Hümbelin präsentiert Studien für verschiedene Kantone, in der Steuerdaten gemeinsam mit Sozialleistungsdaten verknüpft wurden. «Zwischen 25 - 45 % der armutsbetroffenen Bevölkerung bezieht keine wirtschaftliche Sozialhilfe.» In ländlichen Teilen sei die Nichtbezugsrate tendenziell höher. Ob es schwieriger geworden ist, Sozialleistungen zu erhalten? Der Trend deute dahin, dass es eher schwieriger wird. Nach den goldenen Jahren der Nachkriegszeit, seien wird jetzt in einer der Austerität, mit vielen Justierungen und Budgetfragen. Rechtlich werden eher Hürden aufgebaut. Ein Beispiel: im Jahr 2019 gab es eine Reform des Ausländer- und Integrationsgesetzes. Diese sah vor, dass neu ein regelmässiger Datenaustausch zwischen dem Sozialamt und der Migrationsbehörde etabliert werden soll, damit im Falle der Prüfung des Ausländerrechtlichen Status überprüft werden kann, ob jemand «übermässig» Sozialhilfe bezogen hat. Eine Studie in Basel-Stadt zeigt, dass der Nichtbezug nach der Reform angestiegen ist. Besonders häufig sind Familien mit C-Bewilligung, die seit der umstrittenen Reform zu einer Zunahme um ~4 Prozentpunkte der Nichtbezüge beitragen.
Unabhängigkeit
Eine andere repräsentative Befragung zu den Hemmungen des Sozialleistungsbezuges zeigt ferner, dass der Wunsch unabhängig zu bleiben, weit verbreitet ist. Fehlende Unterstützung und fehlendes Wissen sind weitere Gründe. Auch die Angst vor Rückzahlungspflichten schreckt einige ab. Die grössten Hemmungen haben jene, die aus den tiefsten Einkommensschichten stammen. Auch ein geringer Bildungsabschluss und Migrationsstatus gelten als Risikofaktoren.
Dabei sind die Folgen eines Nichtbezugs nicht nur ein individuelles Problem. Hümbelin präsentiert die Effekte anhand einer Grafik, die psychische und physische Auswirkungen bis hin zur Isolation aufzeigt. Kurzfristig werde Geld eingespart, langfristig bestehen aber Risiken der Chronofizierung von Armut über eine Verschlechterung der Gesundheit, Überschuldungsrisiken, und einem höheren Risiko, die Armut an die nächste Generation weiterzugeben. «Der soziale Zusammenhalt wird geschwächt.» Menschen erlebten Vertrauensverlust in Institutionen, zögen sich zurück.
Worin liegen die Ursachen eines Nichtbezugs? Hümbelin spricht von vier Überbereichen, von Ressourcen- und Zugangshürden, von Zeit, Energie und Sprachkompetenzen. Als Akzeptanz und Vertrauenshürden nennt er Scham, Stigmatisierungen und Vertrauen. Als Systemhürden werden die Probleme, die sich durch die Komplexität des Systems ergeben, bezeichnet. «Formalitäten müssen vereinfacht werden.» Eine mutige Reform aus Genf von 2025 ermöglichte einen einfachen Zugang dank offenen Sprechstunden. Diese wurden genutzt und die Bezügerinnen und Bezüger übernahmen viel Verantwortung von den Unterstützenden.
Zuletzt gibt sich Hümbelin hoffnungsvoll. «Das Armutsmonitoring des Bundes und die Armutsstrategie der EU, die Zugang zum Thema machen, weisen in die richtige Richtung.»
Text: Helen Lagger
Bild: Oksana Demenko, Unsplash
