Sozialdiakoniekonferenz 2019: Die Vision lebt

Beschwingt und mit neuen Visionsideen im Handgepäck, verliessen die rund 60 sozialdiakonisch tätigen Menschen die diesjährige Konferenz. Was im vergangenen Jahr noch Theorie war, ist zu lebendiger Praxis geworden.

Man habe den Faden weitergesponnen, sagte Synodalrätin Claudia Hubacher bei ihrer Begrüssung, und Synodalratspräsident Andreas Zeller äusserte sich begeistert über die Vielfalt der Visionsaktivitäten, die er in den Kirchgemeinden angetroffen habe. Bevor fünf der anwesenden Sozialdiakoninnen und Sozialdiakone aufzeigen konnten, wie sie in ihren Kirchgemeinden die Vision in die Praxis umsetzen, orientierte Zeller die Anwesenden über die aktuellen Geschäfte der Synode, unter anderem über die Reaktionen auf die Stellungnahme der Kirchen zur Revision des Sozialhilfegesetzes. Claudia Hubacher informierte darüber, dass das Budget für Kostenbeiträge an sozialdiakonische Ausbildungsplätze verdoppelt worden ist und neu 10 Plätze pro Jahr in den Kirchgemeinden mitfinanziert werden können.

Fragen und Antworten
Eine der im Voraus an den Synodalrat eingereichten Fragen galt dem Visionsleitsatz „Räume öffnen“. Gilt das auch für Kirchenräume? Darf man in einer Kirche ein Fussballspiel übertragen oder eine Modeschau inszenieren? Den reformierten Weg solle man hier gehen, war Claudia Hubachers Antwort. Es gäbe keinen Bischof, der einem sage, was richtig sei. Deshalb führe nichts daran vorbei, seine Ideen zu vertreten und mit dem Kirchgemeinderat auszuhandeln, was möglich sei.

Wo wird die Kirche in 20 Jahren stehen, in einer säkularisierten Welt, in der kaum jemand noch die Bibel kennt? Synodalratspräsident Zeller beantwortete die Frage optimistisch. Das Wichtigste sei, bei den Menschen zu sein, sagte er. Die reformierte sei die grösste Religionsgemeinschaft im Kanton Bern und besser unterwegs als gemeinhin angenommen.

Ausgelöst durch die Tagung „Kirche in Bewegung“ wurde die Frage nach dem Miteinander der Berufsgruppen gestellt. Die Synodalrätin Judith Pörksen Roder verwies bei ihrer Antwort auf die Arbeit im Teilprojekt 6 der Umsetzung des Landeskirchengesetzes. Angedacht wird hier, dass es zur Verbesserung des ämterübergreifenden Austausches eine paritätisch zusammengesetzte Kommission geben soll, in der das Sozialdiakonische Amt, das Katechetische Amt und das Pfarramt vertreten sind.

Synodalrätinnen Claudia Hubacher (r.) und Judith Pörksen Roder.

Weitere Informationen

Der Sozialdiakonische Verein sdv ist hier zu finden:

www.sdverein.ch

Die Vision lebt – ganz konkret
Stephan Loosli, Präsident des Sozialdiakonischen Vereins sdv betonte, dass die Vision Kirche 21 nirgends intensiver gelebt werde als in der Sozialdiakonie. Das Besondere sei, dass hier Menschen aus rund 15 verschiedenen Berufen zusammenkämen – ein vitales Gemisch aus vielfältigen Fähigkeiten. Visionsbotschafter Damian Kessi betonte, dass es darum gehe, die Vision nicht nur zu finden, sondern sie auch zu leben.

Wie konkret und mit wie viel Herzblut sie gelebt wird, das bewiesen die fünf Kurzreferate aus verschiedenen Kirchgemeinden.

Lebenszeit
Petra Wälti aus Köniz stellte ihr Projekt „An der Schwelle – vom Berufsleben in die nächste Lebenszeit“ vor. Menschen an der Schwelle zur Pensionierung haben das Bedürfnis, noch einmal zurückzuschauen, den vergangenen Lebensabschnitt zu ehren, ihn dann aber loszulassen und einen neuen Lebenssinn zu finden. Und Sinnsuche, so Wälti, sei die Kernkompetenz der Kirche.

Escape und Fairfood
Traugott Vöhringer hat in Neuenegg einen Escaperoom eingerichtet. Gruppen, die sich hier „einsperren“ lassen, haben 60 Minuten Zeit, um sich zu befreien. Dazu müssen sie Rätsel lösen, die sie durch die Bibel führen. 50-60 % der Gruppen würden es innerhalb der verfügbaren Zeit schaffen, berichtete Vöhringer.

Das Jahresthema „Gerechte Ernährung“ durchwirkt – gemäss den Ausführungen von Thomas Schweizer der Kirchgemeinde Steffisburg – alle kirchlichen Belange, vom Gottesdienst über (fast vegetarische) Altersnachmittage bis hin zur Gestaltung von Anmeldeformularen, bei denen explizit ankreuzen muss, wer Fleisch essen will. Vorträge, Podiumsgespräche und sogar Gottesdienste, bei denen Haustiere mitdürfen, sind Bestandteile der speziellen Fairfood-Sonntage.

Feiern und feuern
Mit „celebrate diversity“ mobilisieren die Berner Kirchen Heiliggeist & Frieden Jugendliche und organisieren mit ihnen zusammen eine interreligiöse Feier im Stadtzentrum. Das Spezielle daran: Die Jugendlichen bestimmen selber, wie sie feiern wollen. Es gehe auch für die Kirche darum, neue Formen zuzulassen, was manchmal nicht ganz einfach sei, sagte Regula Rhyner.

In der Länggasse wird vier Mal im Jahr Feuer gemacht und Suppe gekocht. Dabei arbeiten Kirche und andere Institutionen im Quartier zusammen. Einfachheit sei das Erfolgsrezept des Angebots „FüürAbe“, erzählte Thomas Fuhrer. Bis zu 60 Menschen verschiedenster Zugehörigkeit nehmen das Angebot jeweils wahr.

Begeisterung
Die fünf Beispiele begeisterten, das zeigte die nachfolgende Diskussion in kleinen Gruppen. Es ging darum, sich bewusst zu machen, was den Erfolg dieser Projekte ausmacht und was es für die eigene Kirchgemeinde mitzunehmen gilt. Erfahrungen wurden ausgetauscht und Beispiele aus der eigenen Praxis erzählt. Die anschliessend in einen Blumenstrauss gehängten Zettel mit den Essenzen aus den Diskussionsgruppen strotzten vor Freude, Mut und Motivation.

Den Schlusspunkt machte die Schauspielerin Kathrin Fischer, musikalisch begleitet von Luigi Fossati. Sie hatte schon zwischendurch einige Szenen aus den vorgestellten Projekten improvisiert. Nun entliess sie die Teilnehmenden mit einem heiter romantischen Abschluss-Lied, das sie anhand von zugerufenen Begriffen aus dem Publikum aus dem Steigreif vortrug.

Text: Susanne Thomann
Fotos: Matthias Hunziker

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